schweizgenössisch
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Berlins originellstes Festival: SCHWEIZGENÖSSISCH

Ein nicht geringer Teil der Attraktivität von Schweizgenössisch liegt in der Spreeterrasse begründet, auf der man hinter dem Radialsystem sommers ganz herrlich draußen sitzen kann. Damit war es natürlich Essig in diesem Jahr. Trotzdem bleibt Schweizgenössisch das originellste, abwechslungsreichste und lustigste Festival, das ich in Berlin kenne. Was selbstverständlich an den Schweizern selber liegt, die sich bei dieser Gelegenheit einmal richtig mit Alphörnern Wind von vorne geben...

RBB KULTURRADIO, Kai Luehrs-Kaiser

1. August 2011

Daniel Schnyder bläht die Saxophon-Backen fast wie Dizzy Gillespie, hat sich eine Carbon-Alphorn-Blondine auf High Heels mitgebracht und erklärt immer noch einmal gern, dass die Löcher im Schweizer Käse von der Sparsamkeit der Schweizer kommen....


Zwischendrin gab's plötzlich eine Inszenierung von Barbara Frey. Für die Baseler Regisseurin (und heutige Zürcher Schauspielintendantin) war Trommel mit Mann im Jahr 2001 ein Wiedereinstand in ihrer Heimatstadt (damals kam sie von der Berliner Schaubühne). Das Einpersonenstück ist dem Schweizer Schlagzeuger Fritz Hauser gewidmet. Der Name klingt schon fast wie aus Robert Walser. Er sitzt in einem Lichtkegel mit nichts als seiner Trommel. Wahnsinnig virtuos. Wahnsinnig dezent auch. Zum Teil klopft er nur gegen den Schlegel oder fuchtelt mit Schneebesen lautlos in der Luft herum. Man hört kaum was. Wie Clown Grock auf Crack – oder besser auf Schweizern Crackern....


Vollends ein "petit rien", also ein hübsches Nichts ist d’Schwyz tanzt... . Das Volksmusikalische, hier wird's Ereignis. Und zwar, ohne jemals volkstümlich korrumpiert zu werden. Darum kann man die Schweizer schon beneiden.


Das Festival bleibt eine Stippvisite wert. Die Sachen sind nie zu lange und verraten stets eine passionierte Lust, sich selber nicht allzu ernst zu nehmen. Übrigens präsentiert von einem Ostdeutschen. Und gerne auch anmoderiert in fein eingefärbtem Sächsisch.


Mit eigener Note: das Festival "Schweizgenössisch"

Dass die Schweiz ein Land zwischen mittel- und südeuropäischer Lebenskultur ist, dieser Ansicht mögen vor allem die Mittel- und die Südeuropäer sein, wohl weniger die Schweizer. Im Radialsystem wurde zum Schweizer Nationalfeiertag dieses Dazwischen ziemlich konsequent und überzeugend zelebriert - beim Festival "Schweizgenössisch".

BERLINER ZEITUNG, Matthias Nöther

1. August 2011


Da ist zum Beispiel die 28-jährige Alphornistin Eliana Burki, die das Festival am Freitag eröffnete. Eine Mischung aus Lago-Maggiore-Strandmieze im kürzestmöglichen Kleid einerseits und konzentrierter Blechbläserin andererseits, die so hart wie selbstverständlich mit der tückischen Naturtonreihe ihres naturbelassenen Instruments ringt. Da ist der starkknochige Schlagzeuger Fritz Hauser, der sich in kurzen Hosen und schwarzen Lackschuhen mit dem quasi naturmäßig Vorgefundenen arrangiert: einer auf dunkler Konzertbühne einsam beleuchteten Kleinen Trommel. Irgendwie ist das Verhältnis dieser Künstler zu ihrem Kunstgerät wie das des Schweizers zum Berg: Man ist moderner Mensch in einer maximal industrialisierten Zivilisation und kommt doch mit diesem unverrückbaren, liebenswerten Naturding seit Jahrtausenden klar - auf kaum veränderte Weise und nach bewährten Regeln.


Der Höhepunkt des Festivals ist am Freitag abend allerdings ein Musikmarathon des Saxophonisten Daniel Schnyder mit seiner Band. Schnyder gehorcht diesem schweizerischen Natur-Kultur-Dualismus auf den ersten Blick weniger. Er ist in unseren Breiten als Spezialist für biegsamen Crossover zwischen E- und U-Musik bekannt geworden. Seine Musik, die er zunächst mit seiner um vier weitere Musiker angereicherten Drei-Mann-Combo spielt, ist oft rhythmisch und vorwärtsdrängend. Sie setzt ihre Akzente beim klar konturierten Ablauf eines Stücks, nicht bei den Akkordtürmen des heutigen Jazz. Keineswegs abwaschbare Glätte, aber eine gewisse weltläufige Unverbindlichkeit ist in dieser Musik Trumpf.


Schnyders Lieblingspartner ist denn auch der US-Bassposaunist Dave Taylor. Er hat im Gegensatz zu den originären Schweizern des Abends sein Instrument vollkommen domestiziert. Zählen die ureigenen, die tiefen Register der Bassposaune gemeinhin zum Schwierigsten, was in der Welt des Blechklangs zu erzeugen ist, so bläst Taylor diese knatternden Töne mit einer Weichheit und Selbstverständlichkeit, dass der Hörer den störrisch natürlichen Eigensinn dieses Instruments völlig vergessen mag.


Doch auch Schnyder und Partner arbeiten sich an diesem Abend an etwas Naturbelassenem, Unabänderlichem ab - hochinspiriert und bis zur Selbstaufgabe. Friedrich Wilhelm Murnaus Stummfilm "Faust - eine deutsche Volkssage" aus dem Jahr 1926 nimmt nach dem eigentlichen Konzert als erratisch unverrückbarer Block den Raum des Radialsystems ein. Die Schnyder-Band präsentiert ihre faszinierende Filmmusik dazu, die bereits vor einiger Zeit als CD erschien ("Worlds Beyond Faust", collegno 2003). Der Film selbst spielt jenseits der deutschen Romantik, die zuvor im Ersten Weltkrieg ihr unwiderrufliches Ende fand, mit den Topoi dieser Kunstanschauung: das Vergrübelte des einsamen deutschen Gelehrten, das glückliche Mittelalter, die Sehnsucht nach Erlösung.


Murnaus Film, der auch unfreiwillig komisch wirken könnte, gewinnt seine Erhabenheit aus dem kompromisslosen Einsatz dieser Topoi. Schnyder, Taylor und der Pianist Kenny Drew Junior vollziehen unter Einsatz ihrer ureigenen, vom Instinkt des Jazz-Musikers gelenkten Kreativität die musikalischen Aspekte nach, die zu dieser Romantik gehören, im spielerischen Dialog mit den denkbar größten Romantik-Spezialisten: Carl Maria von Weber, Franz Schubert und Gustav Mahler. Verzaubert gleitet man in die verregnete Sommernacht. Heute, am eigentlichen Nationalfeiertag, wird "Schweizgenössisch" mit einer Lesung des Dichters Jürg Halter seinen Abschluss finden.


Schweizgenössisch: Daniel Schnyder im Radialsystem

TAGESSPIEGEL, Carsten Niemann
30. Juli 2011


Daniel Schnyder hätte das Zeug zum Integrationsbeauftragten: Was auch immer dem in der Schweiz geborenen Wahl-New Yorker in den Weg kommt – der Saxofonist und Komponist lässt es Teil seiner musikalischen Sprache werden. Bei der Eröffnung des Schweizgenössisch-Festivals im Radialsystem, die Schnyder zusammen mit seinem New York City Trio bestreitet, sind die zu Integrierenden etwa eine Reihe blechblasender Freunde aus klassischen Orchestern, eine Tango singende Alphornbläserin, Jazz und Blues, Schubert und Gershwin.


Und doch ist dieses Konzert zur Feier von Schnyders 50. Geburtstag nur der Auftakt zu einem noch intensiveren Erlebnis am späteren Abend: Murnaus Faust-Verfilmung von 1926, live begleitet vom mafiös am Flügel sitzenden Kenny Drew Jr. und dem ständig in Bewegung befindlichen Bassposaunisten Dave Taylor. Die Spannung zwischen Schnyders Sopransaxofon und Taylors Posaune, deren Aussdrucksspektrum von teuflischen Fürzen bis hin zum Choral reicht, macht die Kombo zur Idealbesetzung für den schaurigen Klassiker. Zitate aus Schuberts „Tod und das Mädchen“ oder der „Winterreise“ sind in den Soundtrack verwoben und schaffen neue Bezüge zwischen den Figuren wie auch zu den Quellen, aus denen sich Murnaus Ästhetik speist. Obwohl das Trio mit der tranceartigen Versenkung jammender Jazzer spielt, ist das Timing mit dem bewegten Bild so präzise, als sei der Film der vierte Mann.


Das störrische Alphorn

BERLINER ZEITUNG, 2. August 2010 "Höchst niveauvoll, witzig, bescheiden und poetisch wurde am Sonnabend im Radialsystem der Schweizerische Nationalfeiertag musikalisch begangen."



Eine neue Farbe nach Berlin gebracht

"Schweizgenössisch", das zum dritten Mal ausverkaufte Festival im Radialsystem (im nächsten Jahr soll es wieder sechs Tage dauern) hat eine neue Farbe nach Berlin gebracht – obwohl hier, dachte man, eigentlich alle Farben vorhanden waren. Kunststück.

Um Erika Stucky als einen typischen Ausdruck des Schweizer Jazz anzusehen, dafür ist die entsprechende Szene dort zu groß. Immerhin verfügt man mit dem Jazzfestival von Montreux über eines der wichtigsten Spezialfestivals seiner Art. Als skurrilsten Auswuchs darf man sie aber wohl schon ansehen. Die kalifornische Tochter Schweizer Einwanderer, die als kleines Kind ins Oberwallis zurückverschlagen wurde, mischt amerikanischen Jazz mit Akkordeon und Volksmusik, und zwar auf selbstmörderische Weise. Ihr neues Programm heißt nicht umsonst "Suicidal Yodels": eine Art Kamikaze-Jodeln. Ich bewahre die wenigen Auftritte, die ich von Erika Stucky erlebt habe, als Kleinode meines Konzertlebens. Sie ist witzig, aber nicht ironisch. Beinahe ein schweizerischer Karl Valentin des Jazz.

In gepflegtem Bäuerinnen-Outfit mit Knoten, Schürze und einer Schneeschippe, auf dem sie den Rhythmus klappert, entert sie ihre mit einem Almöhi-Sessel ausstaffierte Bühne. Sie gleicht einer Frau, die erst ganz kürzlich den Melkschemel zur Seite gelegt hat. Und singt dennoch Nancy Sinatras "These Boots are made for Walkin’", wozu sie den Bass von sudanesischen Pygmeen
beisteuern lässt, die sie in Afrika aufgezeichnet hat und jetzt von einem winzigen Analog-Kassettenrekorder abspielt, den sie trötend vors Mikrophon legt. Zauberhaft. Ihre eigene Stimme klingt dabei wie eine Kreuzung aus Louis Armstrong und Liselotte Pulver.

Wie meist im Schweizer Jazz klingt auch dies trotz allem elaboriert, cool und sogar clean, obwohl es so ländlich daherkommt. Stimmakrobatisch schon.
Aber nicht wirklich virtuos. Nicht verschwiegen sei, dass es sich bei Erika Stucky um einen begnadeten Conférencier ihrer selbst handelt (eigentlich möchte man sagen: eine Conférencierge). Zwischendurch zeigt sie Filmchen in Super 8-Qualität, auf denen sie einige Träume holzschnitthaft nachgespielt hat. Zum Beispiel eine Variation des "Zwergenweitwurfs". Stucky verwendet statt geworfenen Zwergen ihren eigenen Säugling. Schon makaber, aber Erika Stucky behauptet, diese Darstellung werde meist nur von Leuten beanstandet, die keine Kinder haben. Man weiß nicht, ob man lachen, weinen oder jodeln soll.

Im ersten Teil, fast als Vorgruppe, rangiert das Alphornquartett "Hornroh" mit vier Alphörnern. Man muss weit hinten sitzen, um nicht weggeblasen zu werden. Die skurrilen Eigenkompositionen werden mit einem Ernst, einer Langsamkeit und Gründlichkeit aufgeführt, als sei’s "Parsifal".
"Schweizgenössisch", das zum dritten Mal ausverkaufte Festival im
Radialsystem (im nächsten Jahr soll es wieder sechs Tage dauern) hat eine neue Farbe nach Berlin gebracht – obwohl hier, dachte man, eigentlich alle Farben vorhanden waren. Kunststück.


Kai Luehrs-Kaiser, kulturradio


Mit Käse gegen das Klischee vom Käsestaat

Schweizer auf deutschen Bühnen haben es nicht leicht. Die Deutschen lachen ja schon, wenn sie nur einfach die Bühne betreten. "Eifach luschtig." Jörg Kienberger ist so einer. Zuerst beschwert er sich künstlich aufgeregt, dass es so laut im Publikum sei.

"Oder müssen Sie sich etwa gegenseitig helfen, weil sie nicht verstehen, was ich hier auf der Bühne sage?" Und dann will er eine Ballade doch gleich auf hochdeutsch singen - und windet sich bei jedem Wort. Aber wie übersetzt man einen Begriff wie "S'Nüni"? Ist es das "Neun-Uhr-Frühstück"? Oder "Pausenbrot"? Auch Kienberger bricht entnervt ab.
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Kunscht und Chäs

ALPHORNBLASEN Pünktlich zum Schweizer Nationalfeiertag zog es das prallbunte alpenländische Kulturleben an die Spree, ins Radialsystem. Nicht nur olfaktorisch ist das Festival "Schweiz- genössisch" äußerst intensiv

Seltsam, dass die Nase nicht schon vorher Witterung aufnimmt. Wahrscheinlich sind die Duftmoleküle des zwei Jahre gelagerten Emmentalers, der im zweiten Stock des Radialsystems das zu verzehrende Herzstück einer Installation darstellt, zu schwer, um den für die Dauer dieses Festivals "Sennerhütte" genannten Raum zu verlassen. Denn das Treppenhaus ist völlig geruchsfrei.
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Radialsystem V: »Duo stimmhorn«

Eröffnung des Schweizgenössisch - Festivals in Berlin

Während das Jodeldiplom eine urdeutsche Sache ist, handelt es sich beim Schweizer Duo Stimmhorn um hochalpine Jodelakrobaten. Genauer gesagt: um einen. Christian Zehnder, ein Experimentaljodler erster Güteklasse, mischt Hochgebirgsjauchzer mit Obertongesang. Aus welchen Körperöffnungen bei ihm jeweils zwei Töne gleichzeitig zu hören sind, muss er selbst aufklären. Unterstützt wird er vom Alphorn-Virtuosen und Zirkuläratmer Balthasar Streiff (schon der Name klingt wie aus Gottfried Keller). Er versammelt sieben Hörner um sich, die zumeist drei Mal so lang sind wie er selber.
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Alpines Gipfeltreffen am Berliner Ufer der Spree

Musikwissenschaftler Hans-Georg Hofmann hat im Radialsystem das Festival «Schweizgenössisch» kuratiert

HALLE/MZ. Was tut ein Hallenser in Basel gegen das Heimweh? Ganz einfach - er erfindet ein Festival, mit dem er seinen neuen Lebensmittelpunkt ein wenig näher an sein Elternhaus rückt. Zwar ist es dem Basler Kammerorchester-Dramaturgen Hans-Georg Hofmann nicht gelungen, das neue Format "Schweizgenössisch" direkt nach Halle zu holen - aber immerhin feiert man nun seit gestern im Berliner Radialsystem die Kultur der Eidgenossen.
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Ein Aufeinandertreffen von Tradition und Moderne - für Menschen mit Entdeckerlust sehr zu empfehlen

Der Festivalauftakt zeigte einen Film, "Heimatklänge" von Stefan Schwietert - sehr klug, den an den Anfang zu setzen, weil der neugierig macht auf die Schweiz und den Boden für ein Interesse bereitet, viel mehr zu erfahren, viel mehr kennen zu lernen.

Beim Festival "schweizgenössisch" in Berlin präsentiert sich die Alpenrepublik mit Musik, Tanz und Theater. Traditionelle und moderne Klänge werden zusammengebracht.

"Verbringen Sie Ihren Urlaub in Berlin und erleben Sie an der Spree die Schweiz! Entdecken Sie im urbanen Ambiente die neue Schweiz" - so lädt das Berliner Radialsystem zum Festival "schweizgenössisch" ein.

Der Festivalauftakt zeigte einen Film, "Heimatklänge" von Stefan Schwietert - sehr klug, den an den Anfang zu setzen, weil der neugierig macht auf die Schweiz und den Boden für ein Interesse bereitet, viel mehr zu erfahren, viel mehr kennen zu lernen.

"Heimatklänge" zeigt nicht die städtische, wohl situierte, brave Seite des Landes, sondern eine sehr wilde, fast archaische. Drei Musiker: Christian Zehnder (vom Duo Stimmhorn), Erika Stucky, halb Schweizerin, halb Amerikanerin, und Noldi Alder aus einer traditionellen Schweizer Musikerfamilie werden vorgestellt und ihre unterschiedlichen Arten, Musik zu entwickeln - in und an der Natur, in der Auseinandersetzung mit der Natur. Bilder zeigen Berge, Höhe, Einsamkeit - das alles spielt eine Rolle und Christian Zehnder sagt einmal: "Man muss der Landschaft etwas entgegensetzen, sonst wird man verrückt und das produziert auch eine gewisse Eigenart, ja Skurrilität". Was wir an Menschen und Kunstformen in "Heimatklänge" sehen, mutet in der Tat fremd und befremdend an und wirkt trotzdem nicht wie aus der Welt, sondern im Gegenteil, dabei sehr zeitgenössisch, darin aber wiederum nicht internationalisiert, abgekapselt von der eigenen Umwelt, sondern im Gegenteil sehr in der Auseinandersetzung mit dem Eigenen beschäftigt.

Das anschließende Konzert des Duos Stimmhorn war dann ein entsprechend ungewöhnliches Hörerlebnis. Das Duo Stimmhorn hat nicht nur in seiner Heimat Kultstatus, sondern auch in Berlin - was man an dem Besucherandrang gesehen hat - und das zu Recht:

Balthasar Streiff spielt auf verschiedenen Alphörnern - Gerätschaften, die man noch nie gesehen hat - aber auch Alpofon, Büchel, Cornet, Barocktrompete, Tuba, Zink und Ziegenhorn, sein Kollege Christian Zehnder spielt ebenfalls, zum Beispiel Wippakkordeon, Orgelpfeifen und Laudola und vor allem jodelt er dazu - in höchst ungewöhnlicher Weise, in dem er das Jodeln mit dem Obertongesang verbindet. Die beiden sind Meister der vielfältigsten Töne und Klänge, von denen man glaubt, sie noch nie gehört zu haben: jodeln, juchzen, pfeifen, glucksten, schreien, schnalzen und gurgeln - zum Teil sehr komische, sehr geheimnisvolle oder sogar unheimliche, aber auch meditative oder ironische Klänge.

Dass die neue Schweiz sich in der Auseinandersetzung mit der Tradition und am stärksten in der Musik zeigt, beweist auch das Trio Sulp - "Musik von der Kuhweise in den Feierabendstau", traditionelle Volksmusik, durchsetzt mit urbanen Klängen - auch hier wieder ein Aufeinandertreffen von Tradition und Moderne - für Menschen mit Entdeckerlust sehr zu empfehlen.


Gut gebrüllt: Schweizer Klänge und Bilder im Radialsystem

... ein exquisites Angebot aus Konzerten, Tanz, Theater, Film, visueller Kunst und Literatur

Dass die Schweizer mit Löchern umzugehen wissen, dafür steht nicht nur der Emmentaler, sondern auch der Schweizer Nationalfeiertag, den die Eidgenossen mitten ins Sommerloch gelegt haben. Dass auch er das Zeug zum Exportschlager hat, will das Festival „Schweizgenössisch“ noch bis zum 6. August im Radialsystem mit einem exquisiten Angebot aus Konzerten, Tanz, Theater, Film, visueller Kunst und Literatur beweisen. Den Auftakt machten am Freitag Stefan Schwieters Film „Heimatklänge“ (2007), die Installation „so’ne chääs“ von Copa & Sordes und der Auftritt des Duos Stimmhorn. Offensiv stellte man sich neben dem übermächtigen Thema Käse auch zwei weiteren Bergmassiven der Schweizklischees: dem Jodeln und der Volksmusik. Besonders der Auftritt des Duos Stimmhorn wurde zu einem Lehrstück darüber, was Heimat im Zeitalter der Globalisierung bedeuten kann.

Er habe Jodeln ebenso gehasst wie die „Ländlermusik-Scheiße“, gesteht der Stimmkünstler Christian Zehnder im Film „Heimatklänge“. Danach zeigen er und sein Duopartner Balthasar Streiff live, dass man mit der Kulturtechnik des Berge-Anschreiens so unbekümmert umgehen kann wie mit Alp- und Krummhörnern, Obertongesang, Wippcordeon, Pop-, Jazz-, Klassik- und Ethnoanklängen. Dass bei alledem kein Multikultibrei entsteht, hat mit der Genauigkeit zu tun, mit der Zehnder seine Umwelt erforscht, und mit der Schonungslosigkeit, mit der er seine Wahrnehmungen mitteilt: Statt Klischees zu reproduzieren, findet er den Punkt, an dem Kehllaute von arabischen Migranten in Jodler, der Groove einer Melkmaschine in psychedelischen Beat und tierisches Brüllen in meditative Obertöne übergehen. Carsten Niemann


Das kleine, böse c: Blockflötist - Maurice Steger im Radialsystem

Und so verlässt man das Konzert nicht geknebelt, sondern gefesselt

Irgendwann ist der Augenblick gekommen, an dem Maurice Steger dem Publikum im Rahmen des Festivals „Schweizgenössisch“ im Radialsystem anvertraut, wie man eine Blockflöte in der Schweiz nenne: Wörtlich übersetzt heiße das Ding so viel wie „Spuck-Knebel“. Ja, es sei eine Herausforderung für einen pubertierenden 13-Jährigen gewesen, sich zu diesem Instrument zu bekennen, erinnert sich Steger und greift zu dem bekanntesten Folterinstrument der Familie, der kleinen bösen c-Blockflöte. Was er ihr in einer Sonate des Händel-Zeitgenossen Giuseppe Sammartini entlockt, macht den Triumph des Abends perfekt.

Dabei ist Geschwindigkeit für Steger nicht alles. Zwar steht das Intime und Verträumte, das man im Barock zuerst mit der „Flauto dolce“ assoziierte, nicht im Fokus seines Interesses. Dennoch tut er seinem Instrument nie Gewalt an: Das Passagenwerk der flottesten Allegros ist immer von großen lyrischen Bögen getragen, der extrovertierte Ausdruck seiner Adagios ist durch feine Abstufungen der Lautstärke differenziert und seine musikalische Syntax muss er den Sprachmelodien packender Erzähler abgelauscht haben. Kein Wunder, dass es dem Enkel einer romanisch und einer italienisch sprechenden Großmutter zuletzt auch noch gelingt, die Kunstmusik Italiens mit Graubündener Gebrauchsmusik zu versöhnen, die ihm sein kongenialer Cembalopartner Naoki Kitaya auf den Leib arrangiert hat. Und so verlässt man das Konzert nicht geknebelt, sondern gefesselt